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Maria S. Merian in tropical water off the west african coast - Blog
Im Hafen. Wie geht es nun weiter?
22.08.11, 08:20 (comments: 0)
Autor: Martin Schmidt
Nun geht die Reise ihrem Ende entgegen. Der Name des nächsten Hafens taucht in Gesprächen immer öfter auf – Walvis Bay in Namibia. Betriebsamkeit setzt ein, um den Hafenaufenthalt vorzubereiten. Container mit Messgeräten für die nächste Reise werden an Bord genommen, Chemikalien, Gefahrstoffe die nicht einfach verschifft werden dürfen, werden angemeldet, Proviant und Treibstoff müssen gekauft werden, Ersatzteile für die Maschine kommen, Bettwäsche muss in die Wäscherei, die Passformalitäten der An- und Abreisenden müssen geklärt werden. All das geschieht um uns herum, aber so ganz gehört man eigentlich schon nicht mehr dazu. Ja, und dann plötzlich ist die wissenschaftliche Besatzung im Flugzeug und auf dem Heimweg, nach Angola, nach Südafrika und nach Deutschland.

Die Wissenschaftler von MSM18/4 and Bord der Maria S. Merian verabschieden sich.
Die unvergesslichen Erinnerungen an die Reise bleiben. Neben der wissenschaftlichen Arbeit gab es viel zu sehen und zu erleben. Der weite Ozean ohne ein anderes Schiff auf dem Radar, das Schiff in der Wellenwüste, nur gelegentlich von Walen, Delphinen oder Robben besucht. Oder die unvergleichlichen Flugkünste der Albatrosse, die ohne einen Flügelschlag knapp über den Wellenkämmen segeln und das Wasser mit den Flügelspitzen doch nie berühren.
Die Welt der wunderschönen, zerbrechlichen Planktonwesen, in der alle Räuber und Beute zugleich sind, die aber nicht ausstirbt sondern sich immer wieder erneuert. Nun ist man plötzlich im Flugzeug von Leuten in Schlips und Anzug umgeben, die sich in sehr dicken Zeitungen für die letzten Börsennotierungen interessieren. Die Stewardess weist an, die Fensterblenden zu schließen, da die Sonne die Videovorführung störe. Der Ozean 10 km unter dem Flugzeug ist wenig interessant. Eine andere Welt auf derselben Erde.
Ja und nicht zuletzt die gemeinsame Arbeit mit Kollegen, die zwar ganz andere Fragen und Methoden haben, aber von derselben Neugier getrieben versuchen, dem Ozean seine Geheimnisse abzulauschen. Das Schöne und Interessante an dieser Reise ist, das Biologen, Chemiker und Physiker eng zusammen arbeiten und erst die Zusammenschau der Ideen und Einzelergebnisse ein Bild der Vorgänge unter der Meeresoberfläche sichtbar macht, die ein einzelner Mensch wegen ihrer Komplexität kaum fassen könnte.
Ist die Reise nun Geschichte? Ja, die Messungen sind beendet und nein, die eigentliche Arbeit beginnt erst. Was wird mit den vielen Messdaten, die in mühsamer Arbeit gewonnen wurden? Hunderte Glas- und Plastikflaschen mit Phytoplankton- oder Zooplanktonproben werden für den Heimtransport im Container vorbereitet. Etliche Gigabyte Daten über Temperatur, Salzgehalt, Strömungen, Nährstoffe, Meteorologische Messwerte und Satellitendaten werden auf DVDs und Festplatten kopiert. Die Daten sind von unschätzbarem Wert und werden mehrfach gesichert im Flugzeug mit nach Hause genommen.
Zu Hause werden die Proben ausgewertet. Es bedarf Monate oder auch Jahre mühevoller Kleinarbeit am Mikroskop bis die Planktonarten bestimmt sind und die Häufigkeit ihres Vorkommens ausgezählt ist. Die Physiker beschäftigen sich mit den Umweltbedingungen, unter denen die Lebewesen existieren. Wie warm die Meeresgebiete sind, oder wie salzhaltig, weiß man mittlerweile ziemlich genau. Wie aber die gefundenen Strömungen angetrieben werden und wie die gemessenen Verteilungen von Temperatur, Salzgehalt, Sauerstoff oder CO2 eigentlich zu Stande kommen, ist oft noch unklar. Um das herauszufinden sind Computermodelle von zunehmender Bedeutung. Sie gestatten es, die Vorgänge im Ozean zu simulieren, d.h. man rechnet die Strömungen und die Veränderungen der Temperatur- und Salzgehaltsverteilungen im Computer nach. Simulationen beziehen mittlerweile auch die Wirkung von Organismen mit ein. Das ist wichtig, denn der freie Sauerstoff in Ozean und Atmosphäre, die Gebiete mit geringem Sauerstoffgehalt im Meer und die großen Mengen an Nährstoffen im tieferen Ozean sind durch die unermüdliche Arbeit von Lebewesen erst erzeugt worden. Mit solchen Modellen kann man lernen, wie die Stoffkreisläufe im Ozean funktionieren und was sie antreibt. Durch die auf dem Schiff in mühevoller Kleinarbeit gewonnenen Daten kann man überprüfen, ob die Computermodelle richtig arbeiten. Nicht zuletzt kann man nur so die Veränderungen verstehen, die wir gegenwärtig auf der Erde beobachten und „Klimawandel“ genannt werden. Sehr viel davon passiert eben im Meer, so dass wir es nicht direkt sehen und fühlen können und mit viel Aufwand und Tricks in den Ozean „lauschen“ müssen, um doch etwas zu erfahren.
Es nützt wenig, wenn Wissenschaftler in ihren Computern und ihren Köpfen Wissen über unseren Planeten sammeln, dieses aber nicht öffentlich gemacht wird. Daher werden über die Ergebnisse Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften geschrieben und gedruckt oder im Internet veröffentlicht. Das ist nicht leicht, vor dem Druck werden die Artikel recht streng begutachtet, ob die vorgestellten Arbeiten ausreichend sorgfältig durchgeführt wurden oder vorgestellte Hypothesen, Theorien sinnvoll und schlüssig sind. Ein Artikel erscheint daher oft nicht im ersten Versuch und muss meist überarbeitet und korrigiert werden. Das scheint lästig zu sein, es ist aber ein ganz wichtiger Vorgang der Wissenschaft ausmacht. Es wird immer wieder gefragt, ob nicht doch alles ganz anders ist, als wir bisher dachten. Aber das ist schon ein anderes Thema …
Vielleicht zeigt dieser Report über eine Forschungsreise, auf welche Art und mit wieviel Mühe und Kleinarbeit das Wissen über unseren Planeten zusammengetragen und erweitert wird. Es ist eine interessante Arbeit, die viel Sorgfalt erfordert und viel Freude machen kann, wenn man neue Zusammenhänge herausfindet und versteht.
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